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Ausstellungsansicht: "Bajek" und "Das Guckloch", Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig, 2015

Zuspruch der Lebenden

Über die Gedenkstätte Auschwitz hat die Überlebende Ruth Klüger geschrieben: „wer hier etwas zu finden glaubt, hat es wohl selbst im Gepäck mitgebracht.“
Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit widmet sich der verlassenen Filmkulisse von Schindlers Liste. Die KZ-Atrappe befindet sich im Steinbruch Liban in Krakau. Überreste von Stacheldraht, Baracken und einem Steinpfad aus jüdischen Grabsteinen erwecken den Eindruck, es sei ein historischer Ort. Man müsse nur über einen Hügel um die vernachlässigte Gedenkstätte Plaszow zu erreichen. Es wirkt wie ein Widerspruch: der Filmort mutet realer an als das im Film dargestellte Konzentrationslager. Plaszow sieht aus wie eine urbane Parkanlage und wird von der Bevölkerung auch so genutzt. Auch das Szary Dom (das graue Haus), das ehemalige SS-Gefängnis, in dessen Keller Häftlinge gefoltert wurden, ist heutzutage ein alltägliches Mietshaus mit Canal+-Antennen und Blumenkörben an den Fenstern.
Als Leitfaden diente mir ein Zitat von Walter Benjamin: „Man hielt für den fixen Punkt das 'Gewesene' und sah die Gegenwart bemüht, an dieses Feste die Erkenntnis tastend heranzuführen. (…) Nun soll sich dieses Verhältnis umkehren und das Gewesene zum dialektischen Umschlag, zum Einfall des erwachten Bewusstseins werden.“ Benjamins Sicht auf die Geschichte ist eine, in welcher der historische Blickstrahl nicht länger aus der Gegenwart zurück in die Geschichte fällt. Die Geschichte ist nichts Festes, an das wir uns herantasten, sondern etwas, das uns soeben erst zustieß. Sie wird durch Narrative vermittelt, was immer zu einer Vermischung von Fiktion und Dokumentation führt.

Das Projekt besteht aus 6 Videoarbeiten. Die einzelnen Titel sind oben als Links aufgelistet.

Mitwirkende: Zbigniew Bajek, Roma Sendyka, Stephanie Marek, Jakub Šimčik, Künstlerische Assistenz: Anna Kaczmarczyk, Stephanie Marek, Übersetzung: Marta Tarasewicz, Textkorrektur: Johanna Maxl, SynkronsprecherInnen: Pawel Ziolkowski, Marta Pohlmann

Mit freundlicher Unterstützung der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und der Galerie für Zeitgenössische Kunst

Bajek
Video, 13:14 Min, Full HD, 2014 – 2015


The stone quarry of Liban, Cracow is to this date filled with delapidated barracks and overgrown watch towers. What at first sight looks like a forgotten former concentration camp are in reality the remains of the blockbuster film "Schindler's List". Artist Zbigniew Bajek, who acted in the film as an extra, walks through the site while speaking of his experiences from the film shoot.

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Ich wollte den Westen sehen
Video, 2-Kanal, Full HD, 12 Min, 2014 – 2015


Die Arbeit wird auf zwei Monitoren gezeigt. Das eine Video zeigt „Schindlers Café“ im historischen Museum Krakau, das in der ehemaligen Schindlerfabrik betrieben wird. Zu sehen sind Requisiten aus dem Film als Dekoration eines kommerziellen Cafés. Der Text, der auf dem zweiten Monitor gleichzeitig läuft, beschreibt die Dreherfahrung des Statisten Zbigniew Bajek während des Umbruchs in Polen. Den Westen sehen zu wollen war seine wesentliche Motivation, im Film mitzuspielen.

Plaszów
Video, 5:35 Min, Full HD, 2014 – 2015

Eine Unterhaltung zwischen der Kulturwissenschaftlerin Roma Sendyka und einem ehrenamtlich tätigen Gärtner in der Gedenkstätte Plaszów. Welches Unkraut wächst am stärksten? Was baut die Ortsbevölkerung hier an? Wie gestaltet er die Arbeit?

Das Guckloch
Video, Full HD, 6:13 Min

Ein Mann steht mit dem Rücken zum Betrachter in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Verschiedene fotografische Darstellungen des Konzentrationslagers werden anhand von ihrer Geschichte analysiert und beschrieben.

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Szary Dom
Video Loop, 12 Min, Full HD, 2015


Am Eingang zur Gedenkstätte für das ehemalige KZ Plaszow steht Szary Dom oder „das graue Haus“. Hier wurden Häftlinge, die die brachialen Regeln der SS-Kommandantur nicht befolgten, gefoltert. Heutzutage ist es ein gewöhnliches Wohnhaus. Das Video stellt zwei Wände des Kellers dar. Die russischen Inschriften, die an den Wänden zu sehen sind, halten nicht mehr als bereits unkenntlich werdende Namen und Jahreszahlen fest.

Oswiecim
Video, Full HD, 13:43 Min

Eine jüngere Frau läuft durch eine Wohnsiedlung, die früher zum Stammlager Auschwitz gehörte. Der Text, den sie spricht, basiert auf einem Interview mit einem ehemaligen Wächter der Gedenkstätte. Sie erzählt über Plünderer und Begegnungen mit Geistern. Sie schildert, wie der Fall des Kommunismus ihre Sicht auf den Holocaust änderte.
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